"Ich bin Donald Duck"
von Ishizaka-san on 14 Dezember, 2004 - 23:03
Am 22.09.2004 wäre Paul Nathrath, mein lieber Großvater, 100 Jahre alt geworden- diesen Anlaß beging das Ishizaka-Trio mit einem Gedenk-Konzert.
Für das Konzertprogramm habe ich den Text "Ich bin Donald Duck" verfaßt, damit auch die Leute, die Paul Nathrath nicht persönlich kennenlernen konnten, einen kleinen Eindruck von seiner ganz besonderen Persönlichkeit bekommen konnten.
Absolute Offenheit gegenüber Neuem bei gleichzeitig stark ausgeprägten Stil-, Geschmacks- und Ästhetikvorstellungen, vielfältiges und fundiertes Wissen und Lernbegier bis ins hohe Alter sind vielleicht die herausragendsten Eigenschaften von Paul Nathrath gewesen. Es war immer ein Höhepunkt unserer wöchentlichen Besuche im großelterlichen Haus, wenn unser Großvater uns durch Vorlesen seiner liebsten literarischen Werke, wie zum Beispiel Selma Lagerlöffs “Nils Holgersson“, an seinem tiefgründigen Verständnis dieser Werke teilhaben ließ. Auf der anderen Seite widmete er sich auch der Lektüre von Büchern, von denen ich, seine Enkeltocher, begeistert berichtete (zum Beispiel Richard Adams’ “Unten am Fluß”), wobei es ihm immer gelang, neue und von mir noch nicht erkannte Zusammenhänge und Bedeutungen der Handlung zu entdecken und mir zu erklären; So hat das Sprechen über ein für uns beide neues Buch, das wir gespannt weiterlasen, während wir uns nicht sahen, eine besondere und wunderschöne Verbindung zwischen uns geschaffen.. Sogar die gemeinsame Lektüre des Micky-Maus Magazins war nicht unter der Würde des langjährigen Deutschlehrers und Studiendirektors des Bonner Aloisius-Kollegs: Schon bald verkündete er, daß “Donald Duck” seine Lieblingsfigur sei. Neben seiner großen Liebe zur Literatur war die Musik das andere wichtige Standbein seiner geistigen Persönlichkeit. Insbesondere schätzte er auch die Ausdrucksform des klassischen Lieds, da sich hier Dichtung und Musik zu einer sich gegenseitig befruchtenden Einheit zusammenfinden. Der wohl schönste Moment der Woche war jedoch für Paul Nathrath und seine Frau Ruth, wenn wir Enkelkinder uns an unsere Instrumente begaben, um die neuesten Fortschritte im Triospiel zum Besten zu geben, wonach unsere Großmutter oft triumphierend verkündete, daß sie schon immer unserer Mutter gesagt habe, sie solle drei Kinder bekommen, damit wir als Geschwister-Trio zusammenspielen könnten. Neben einer hochqualifizierten, kontinuierlichen Ausbildung, zunächst bei unserer Mutter Ruth Ishizaka-Nathrath, und später bei G. Littman und M. Denhoff, hat sicherlich auch das wöchentliche “inoffizielle Podium“ bei unseren Großeltern, auf dem wir mit neuen Stücken schon wertvolle Erfahrungen für nachfolgende öffentliche Aufführungen sammeln konnten, entscheidend zum späteren Erfolg des Ishizaka-Trios (u.a. zahlreiche Sonder- und erste Preise auf Landes-, Bundes- und internationaler Ebene, sowie den Preis des deutschen Musikwettbewerbs) beigetragen. Als unser geliebter Großvater im Jahr 1993 nach einem Schlaganfall im Alter von 89 Jahren im Krankenhaus lag, waren sein Lebenswille und seine Verbundenheit mit der Musik trotz der Tatsache, daß er kaum mehr sprechen konnte, noch so stark, daß er wenige Tage vor seinem Tod mit uns Enkelkindern an seinem Krankenbett Volkslieder sang und sich so über unser Streichtriospiel (mit Kimiko an der Viola) in seinem Krankenzimmer freute, daß er zu Tränen gerührt war. Unser Großvater lebt in unseren Herzen weiter, und zum Gedenken an seinen 100. Geburtstag, den er dieses Jahr begangen hätte, widmen wir ihm das heutige Konzert in Liebe und Dankbarkeit. Kimiko Douglass-Ishizaka

